System Thinking
Querdenken mit System

Klüger entscheiden

Wir treffen so etwa 20.000 Entscheidungen täglich. Und fast immer sind unsere Entscheidungen richtig. Aber manchmal, gerade im Business, stehen wir vor einem wirklich vetrackten Problem. Oder einem verdammten Gewirr aus Problemen: Wo soll ich anfangen? Wie kann ich wissen, was passieren wird? Wie werden die Anderen reagieren? Im  Kapitel Querdenken siehst du, dass unsere üblichen Strategien wie Versuch und Irrtum, Gewohnheit, Berechnung und Erfahrung nicht länger Garantien für gute Entscheidungen sind. In der VUKA-Welt benötigen wir neue Ansätze.

Systemdenken kann dir helfen, solche Herausforderungen besser zu meistern. Denn egal, ob es sich um Familien, Arbeitsgruppen, Organisationen, Märkte oder ganze Ökosysteme handelt - da alle Systeme auf den gleichen Prinzipien beruhen, haben sie auch mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Führende Systemdenker wie Peter Senge und Donella Meadows haben die wichtigsten grundsätzlichen Systemprobleme (Archetypen) erforscht und beschrieben. Hier stelle ich dir die acht  wichtigsten näher vor. 

Im Business-Kontext spreche ich lieber von Basis-Problemen,  die auch gerne mal in Kombination auftreten  - dann wird es besonders vertrackt. Doch wenn du diese Basis-Probleme kennst, kannst du ähnlich wie ein Arzt einen Check durchführen. Ausgehend von den offensichtlichen Symptomen arbeitest du dich immer näher an die wahren Ursache des Problems heran und entscheidest dich dann für die richtige Therapie.  Jedes dieser acht Probleme ist auch eine Chance, Dinge in Zukunft besser zu machen, festgefahrene Situationen in Schwung zu bringen oder chronische Probleme endlich zum Besseren zu lösen. Sie stehen im Mittelpunkt meiner Workshops zum Querdenken mit System.

Das Notlösungs-Problem

Symptom: Für ein Problem findest du eine Korrekturmaßnahme, die eine kurzfristige Verbesserung bewirkt, aber Nebenwirkungen erzeugt, die das Problem langfristig verstärken. Beispiele: Subventionen, Schulden,  Überstunden.

Diagnose: Je länger du Notlösungen anwendest, desto schwerer wird es, grundsätzliche Lösungen zu finden. Die Abhängigkeit von der Scheinlösung wächst.

Herausforderung: Symptome sind generell leichter zu erkennen als Ursachen. Oft liegt die Ursache des Problems in unseren früheren Entscheidungen. Das führt dazu, die gleichen Fehler zu wiederholen.  

Lösung: Überprüfe kritisch, ob die naheliegendsten Lösungen („das mach ich immer so“), der Weg des geringsten Widerstands, Aussitzen („ruhige Hand“) oder Aktionismus (immer wieder neue Lösungen) das Problem wirklich beseitigen. Eine Lösung, an die bisher noch niemand gedacht hat (innovative Lösung) kann dein Problem vielleicht lösen, aber Innovation ist nicht automatisch gleich Effektivität. Daher: Suche nach der Lösung mit der größten Hebelwirkung (systemische Lösung). 

Originalbezeichnung: Fixes that fail / Shifting the burden

 

Das Wachstums-Problem

 

Symptom: Zunächst hast du das richtige Erfolgsrezept. Aber allmählich wird das Wachstum deiner Firma immer schwächer, stoppt und kippt schließlich. 

Beispiele Sättigung der Nachfrage, Steigende Zahl von Nachahmern und Wettbewerbern in einem Marktsegment; eigene Kapazitäten, die an ihre Grenzen kommen ….  

Diagnose: Jedes Wachstum trifft irgendwann auf eine Grenze, einen Engpass oder eine Gegenreaktion. Es entsteht ein Ausgleichsprozess, der dem Wachstum entgegenwirkt. Je größer die Bemühung um weiteres Wachstum, desto größer der Engpass oder die Widerstände. 

Herausforderung: In der Regel sehen wir nur eine Hälfte dieser Situation - diejenige, die wir kennen und aktiv beeinflussen können. Intuitiv versuchen wir immer wieder, das Wachstum anzufachen, indem wir unsere gewohnte Aktivität verstärken. Aber genau das stärkt auch die Widerstände. Die Grenzen des Wachstums liegen meist außerhalb unserer gewohnten Perspektive. Die wichtigsten Grenzen sind die in unserem Kopf: Wir folgen mentalen Modellen, die uns selbst nicht bewusst sind und die unser Denken einengen.

Lösung: Such neue Horizonte! Vielleicht sitzt du im Elfenbeimturm? Sprich mit  Kollegen, Freunden und vor allem deinen Kunden. Stelle nicht nur Fragen, sondern hör gut zu.  Suche nach Ursachen der Beschränkungen außerhalb deiner gewohnten Denkmuster. Nutze Brainstorming, Ideation, Design Thinking oder mach einen Kurzurlaub - wichtig ist, dass du deine mentale Komfortzone verlässt.

Originalbezeichnung: Limits to growth.


Das Dominanz-Problem

Symptom: The winner takes it all. Es kann nur Einen geben.

Beispiele: Wettbewerb um Kunden, Budget oder einen Sieg. 

Diagnose: Zwei Firmen, Organisationen, Personen oder Konzepte konkurrieren um die gleiche beschränkte Ressource. Je erfolgreicher A ist, desto mehr Ressourcen  bekommt A, während die Chancen und Erfolge von B immer weiter schwinden. 

HerausforderungDas Prinzip führt zwangsläufig zum Sieg derjenigen Partei, die bessere Startbedingungen hat. Dieser Effekt führt dazu, dass unterlegene Anbieter oder Konzepte aus dem Wettbewerb verdrängt werden. Dieses System-Muster nutzt nur den Gewinnern und geht auf Kosten aller Anderen. 

Lösung: Wenn du in einer solchen Situation bist, hast du drei Möglichkeiten:  Love it: Du hälst dich für den geborenen Sieger? Okay, aber irgendwann stehst du entweder völlig alleine dar (alle anderen sind besiegt) oder gerätst selbst an einen Stärkeren. Leave it: Such dir ein anderes Spielfeld, wo du deine Kräfte sinnvoller einsetzen kannst. Change it: Ändert die Spielregeln. Reicht euch die Hand. Beendet den Wettbewerb, indem ihr ein übergreifendes Ziel findet, das Konkurrenten zu Partnern macht (win-win).

Originalbezeichnung: Success to the successful


Das Qualitäts-Problem

Symptome: Wichtige Ziele werden nicht erreicht und kontinuierlich weiter gesenkt. Es geht den Bach runter ...

Beispiele: sinkende Qualitätsstandards, Termintreue, Zufriedenheit,  Rendite …   

Diagnose: Werden Ziele nicht erreicht, sollte man natürlich eine Steigerung der Leistung in Angriff nehmen und die Defizite oder Schwierigkeiten beheben. Das Problem: Solche Maßnahmen wirken oft mit Verzögerung, und manchmal gar nicht. Das schleichende Senken der Ziele ist da viel einfacher – und führt, wenn es fortgesetzt wird, zu kontinuierlichem Leistungsschwund, also einer  Erosion wichtiger Ziele und Qualitätsfaktoren. 

Herausforderung: Alle Organisationen pendeln sich auf einem bestimmten Niveau ein, wo alles einigermaßen gut funktioniert. Doch die Zeit arbeitet immer gegen den Status Quo.  Gewohnte Leistungsniveaus sinken wie von selbst und schleichend, wenn man nicht permanente Anstrengungen unternimmt, das Level zu halten oder besser zu werden. Es ist leichter, Ziele zu senken als zu erreichen. Es ist einfacher, Ziele ungenau zu definieren als sie präzise und messbar zu machen. Mitglieder einer Organisation haben in der Regel unterschiedliche Ziele. Viele dieser Ziele sind implizit, oder die offiziellen Ziele werden unterlaufen bzw. ignoriert. Ziele sind nicht das selbe wie Anreize. Menschen sind für Anreize, also die Aussicht auf persönliche Vorteile, viel empfänglicher als für Ziele. 

Lösungen: Halte an klaren Zielen fest, denn sinkende Ziele führen zum Niedergang. Zielkonflikte führen immer zu einem Leistungsschwund. Bemühe dich selbst und in deiner Organisation um "personal mastery", also um exzellente Leistungen. Vermeide die "einfachen" Lösungen, geh Schwierigkeiten nicht aus dem Weg in der Hoffnung, das wird schon wieder.

Originalbezeichnung: Drifting Goals.


Das Investitions-Problem

Symptom:  Dein Vorhaben ist schnell gewachsen. Obwohl das Potenzial noch nicht gesättigt ist, kommst du an eine Grenze, weil deine eigenen Ressourcen mit dem Bedarf nicht mehr mithalten können.

Diagnose: Vor dem Ernten muss man säen. Wachstum gibt es nur, wenn schon vorher in die nötigen Ressourcen investiert wurde und sie  im gleichen Tempo oder sogar überproportional mitwachsen. Wenn du nicht rechtzeitig investierst  oder nur auf kurzfristige Wachstumsimpulse setzt (z.B. durch Rabatte) führt dies leicht in weitere Fallen. 

Herausforderung: Die vorausschauende Bildung von Ressourcen ist die Voraussetzung für nachhaltigen unternehmerischen Erfolg. Investitionen können ein großes Risiko bergen, aber fehlende Investitionen führen mit Sicherheit in die Stagnation (Engpass-Problem). Mit kurzfristigen Lösungen kann man eine Unterinvestition nur zeitweise kaschieren und schafft oft neue Schwierigkeiten (Notlösungs-Problem). Wachstum, das durch durch externe Faktoren erzielt wird (z.B. durch hohe Nachfrage in Boomzeiten) ist deutlich weniger nachhaltig als Wachstum, das durch Investitionen entsteht. 

Lösungen: Finde deine wichtigsten Wachstumstreiber und konzentriere deine Investitionen darauf.  Vorausschauende Planung umfasst auch drohende Engpässe bei Personal, Technik, Ressourcen, Partnern und Nachfragern sowie Konkurrenz durch Nachahmer. Investitions-Entscheidungen sind eine Wette auf zukünftige Ereignisse und erfolgen unter Unsicherheit. Vorsicht vor Prognosen, die sich nur auf Daten der Vergangenheit stützen. Künftige Entwicklungen lassen sich auch anhand von Szenariotechniken und alternativen Pfaden beschreiben.

Originalbezeichnung: Growth & underinvestment


Das Ausbeutungs-Problem

Symptom:  In deiner Organisation oder deinem Markt herrscht ein Mangel an Arbeitskräften oder Rohstoffen. Je weniger Ressourcen verfügbar sind, desto größer wird der Wettbewerb um diese Ressourcen.

Beispiele: Natürliche Ressourcen, Arbeitskraft, Sozialleistungen, Fördermittel.

Diagnose: Je mehr mehrere Länder, Firmen, Personen oder Abteilungen gemeinsame Ressourcen "übernutzen", desto geringer wird der Ertrag der Ressource, desto mehr verstärken die einzelnen Nutzer ihre - egoistischen - Anstrengungen. Was wiederum alle anderen Nutzer dazu verleitet, genauso zu handeln. Was die Ressource immer stärker erodieren lässt … 

Herausforderung: Jeder Einzelne möchte seinen Anspruch durchsetzen und nimmt so viel, wie er kriegen kann. Jeder verhält sich rational, doch ungebremst führt dieses Prinzip zur Vernichtung wichtiger Ressourcen - die Kehrseite der „unsichtbaren Hand“ des Marktes. Wie natürliche Ressourcen können auch Absatzmärkte immer weniger Erträge liefern und schließlich erschöpft sein. 

Lösungen: Wer sich nur auf die Ausnutzung der Ressourcen fokussiert, bewirkt ihre Vernichtung. Nur Verantwortung, also nachhaltiges Denken, die Pflege und  Erneuerung der Ressourcen ermöglichen ihren Erhalt.  Zur Begrenzung negativer Folgen gibt es 3 Strategien: Aufklärung: Man bringt die Beteiligten  zur Vernunft, d.h. dazu, sich freiwillig einzuschränken (wirkt erfahrungsgemäß selten) Regulierung: Die Nutzung wird durch Quoten, Verbote oder Anreize geregelt. Privatisierung: Für den Erhalt ist jeder Nutzer selbst verantwortlich.  

Originalbezeichnung: Tragedy of the Commons


Das Eskalations-Problem

Symptom: Eine Organisation oder Person fühlt sich von einer anderen bedroht, und sie setzt  alles daran, um das Gleichgewicht der Kräfte wieder herzustellen. 

Beispiele: Wettrüsten, Rabattschlachten, Auktionen, Nachbarschaftskonflikte …

Diagnose: Genau diese Handlungsweise wird von der anderen Partei als Bedrohung empfunden. Sie rüstet ebenfalls auf,  um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Die Rivalität schaukelt sich immer höher,  keiner will mehr nachgeben, weil zu viel investiert wurde. 

Herausforderung: Die Eskalation steigert sich exponentiell. Sie kann erstaunlich schnell zu extremen Handlungen führen, die eigentlich keiner wollte. Eskalation erzeugt auf beiden Seiten hohe Kosten und führt zur Vernichtung von Ressourcen, die sonst für Wachstum sorgen würden. Der Gewinner kann so zum Verlierer werden. Bei Auktionen wird die gleiche Systemfalle wirksam: Um zu gewinnen, zahlt der erfolgreiche Bieter immer einen Preis über dem Marktpreis.

Lösungen: Durchbrich den Teufelskreis. Starte eine "einseitige Abrüstung“ und vermindere das Gefühl von Bedrohung auf der anderen Seite. Das Systemmuster führt zwangsläufig in eine "lose-lose"- Stuation. Schaffe statt dessen eine "win-win" Situation. Ermögliche deinem  Gegenüber, die Eskalation ohne Gesichtsverlust zu beenden. Die selbstverstärkende Dynamik dieses Systemmusters kann auch in positiver Richtung wirken - gegenseitige Inspiration, enge Zusammenarbeit, hohes Vertrauen nutzen allen Beteiligten. Wenn jeder dem anderen hilft, besser zu werden, indem er sich selbst verbessert, entsteht eine Aufwärts-Spirale, die allen Beteiligten nützt.

Originalbezeichnung: Escalation


Das Veränderungs-Problem

Symptome: Du versuchst einen Zustand zu verändern, aber deine Abteilung/Firma/Familie … reagiert nicht wie geplant. Sondern ganz im Gegenteil: Je mehr du versuchst etwas zu verändern, desto größer werden die Widerstände. Oder das alte Verhalten schleicht sich durch die Hintertür wieder ein.

Beispiele: Tritt überall auf, wo es um Veränderung geht: Reorganisationen, Steuererhöhungen, Einsparungen, Abbau von Privilegien, Änderung von Gewohnheiten,  ….

Diagnose: Ein System versucht immer, seinen eingespielten Zustand zu erhalten, selbst wenn er suboptimal ist.  Das kann sehr positiv sein: Resilienz ist die Fähigkeit, nach Veränderungen immer wieder in den normalen Zustand zurückzukehren. Doch sie wird zu einem Problem, wenn man das verhindern möchte. 

Herausforderung: Wir überschätzen die Wirksamkeit unserer eigenen Maßnahmen und wir unterschätzen die Gegenreaktionen innerhalb des Systems. Je aggressiver unsere Maßnahmen sind, desto heftiger werden die Gegenreaktionen. Sie überraschen uns, weil sie meist zeitverzögert erfolgen. Und manchmal treten völlig unerwartete Nebenwirkungen auf, die gar nicht uns selbst betreffen, aber an anderer Stelle im System neue Probleme erzeugen.

Lösungen: Betrachte nicht nur deine eigenen Ziele und Aktionen, sondern finde heraus, welche Gegenkräfte wirksam sind. Der Status Quo ist ein Zustand, bei dem die unterschiedlichen Kräfte im dynamischen Gleichgewicht sind. Systeme aller Art haben eine starke Tendenz, in diesem Gleichgewichtszustand zu verharren. Wenn du ein System verändern willst, verstärke nicht einfach nur deine eigenen Maßnahmen, sondern suche einen Interessenausgleich mit den anderen Beteiligten. Vorsicht: Wenn du ein System effizienter machen willst, geht das leicht zu Lasten der Resilienz, d.h. Krisen können weniger gut gemeistert werden. 

Originalbezeichnung: Policy resistance